Corona und die Schulden
Ich möchte meine Gedanken mit einem richtig zugeordneten Zitat vom Meister der falsch zugeordneten Zitate und seinem netten Mitbewohner beginnen:
"Nochmal zum Mitschreiben", sage ich. "Du behauptest jetzt also, dass du mir gar keine 4,95 schuldest?"
"Genau", sagt das Känguru. "Und wenn jetzt zum Beispiel alle so tun, als hätte Berlin keine Schulden mehr, dann hätte Berlin auch keine Schulden mehr."
"Ja", sage ich, "aber warum sollten das die Gläubiger tun?"
"Das ist ja das Schöne daran", sagt das Känguru. "Es reicht, wenn's die Schuldner tun. Wenn sich die alle einig sind - das wären dann nämlich 99,9 Prozent der Weltbevölkerung -, könnten die Gläubiger kommen und sagen: 'Ey, ihr habt Schulden bei uns', und wir stellen uns einfach dumm und sagen: 'Weiß ich nix von...' "
"Hm", sage ich.
"Und jetzt stell dir vor, wenn einfach alle so tun würden als hätte keiner mehr Schulden. Dann gäbe es keine Schulden mehr. Das ist doch irre. Da lässt man die Leute verhungern oder erfrieren, aber nicht weil's an Häusern oder Käsestullen mangelt, sondern nur wegen Hirngespinsten."
"Ja, aber wenn man deinen Vorschlag in die Tat umsetzt, dann würde, glaube ich, das ganze Weltwirtschaftssystem zusammenbrechen", sage ich.
"Umso besser", sagt das Känguru. "Taugt eh nix."
("Die Känguru-Chroniken" von Marc-Uwe Kling, Seite 83)
Aktuell ist es so, dass die Regierungen fast aller Länder weltweit riesige Schuldenberge angehäuft haben und diese zur Linderung der durch die Lockdowns zur Eindämmung der Verbreitung des Virus' erzeugten Krise immer weiter wachsen. Da kommt ein schlauer Vorschlag, wie der des Kängurus doch gerade recht. Und so absurd er in unseren Ohren auch klingen mag, er ist nicht weniger pervers, als das tatsächlich vorhandene Wirtschafts-, Währungs- und Finanzsystem. Pervers kommt bekanntlich vom Lateinischen perversus, was verdreht oder auch verkehrt heißt. Und genau das ist unser System.
Laut Chuck Collins, einem Autor und Leiter des Programms für Ungleichheit und Gemeinwohl am Institute for Policy Studies sind die Milliardäre während der Krise reicher geworden. In einem Interview sagt er: "Nun, es ist erstaunlich. Wie Sie wissen, sind die globalen Aktienmärkte gestiegen. Insgesamt ist es also nicht überraschend, dass das Vermögen der Milliardäre gewachsen ist. Aber es ist explodiert. Beim ersten Milliardär Bonanza Bericht, haben wir zwischen dem 18. März und dem 15. April, drei Wochen verzeichnet, in denen das Milliardärsvermögen um 282 Milliarden Dollar gestiegen ist. Letzte Woche, am 4. Juni, ist das Vermögen der Milliardäre um 565 Milliarden Dollar gewachsen. Und wie Sie wissen, ist das ein noch größeres jährliches Wachstum als in den letzten Jahren. Das Vermögen der Milliardäre ist also deutlich gestiegen.
Und um das in einen Kontext zu stellen: 42,6 Millionen Menschen meldeten sich bis zum vergangenen Freitag arbeitslos. Über 110.000 Menschen sind an der COVID-19-Pandemie gestorben. Wir erleben gerade antirassistische Aufstände in den Vereinigten Staaten. Dieser Wohlstandszuwachs, 565 Milliarden in 11 Wochen, der an die US-Milliardäre geht, entspricht fast 20 % des gesamten Vermögens afroamerikanischer Haushalte in den Vereinigten Staaten. Das sind die Informationen, die wir versuchen, nach außen zu bringen. Lassen Sie uns den Aufstand, die "Black Lives-Matter" Bewegung auch im Zusammenhang mit dem wachsenden Reichtum der Milliardäre verstehen." (1)
Das ist deutlich. Aber wem das nicht reicht, dann noch ein Zitat:
"To Our Fellow Global Citizens:
As Covid-19 strikes the world, millionaires like us have a critical role to play in healing our world. No, we are not the ones caring for the sick in intensive care wards. We are not driving the ambulances that will bring the ill to hospitals. We are not restocking grocery store shelves or delivering food door to door. But we do have money, lots of it. Money that is desperately needed now and will continue to be needed in the years ahead, as our world recovers from this crisis."
Dies schreiben 83 Millionäre, die der Meinung sind, dass sie eine wichtige Rolle zu spielen haben, weil sie in der Krise weder als Pfleger*innen, Verkäufer*innen noch sonst in einer Art geholfen haben, jetzt aber mit ihrem vielen Geld gebraucht würden. Und sie fordern Steuererhöhungen und dass man von dem vielen Geld der Superreichen etwas nimmt, um aktuell und in Zukunft die Krise zu beheben. Wäre ich Millionär, ich würde sofort unterzeichnen (www.millionairesforhumanity.com).
Alle die sich wegen mangelndem Besitzes - wie ich - den Millionären für Humanität nicht anschließen können, gibt es hier eine Möglichkeit ihre Meinung zu äußern: Reiche und Konzerne besteuern, um die Corona-Pandemie zu bewältigen.
Merken da vielleicht Menschen, dass es in einer globalisierten Welt nur zusammen klappen kann. Sollten auch wir "Mittelständler*innen", die wir es uns in einer tollen Nische bequem gemacht haben, nicht endlich auch aufwachen? Uns Menschen im deutschen Mittelstand geht es so gut, wie noch nie in der Geschichte. Wir dürfen uns über ausreichend Nahrung, Wohngelegenheiten, Kleidung und einiges an Wohlstand freuen - und das gut bezahlbar. Wir haben kein Problem mit der Moral, zumindest so lange wir uns nur mit anderen Westeuropäer*innen vergleichen. Aber auch wir sollten uns nichts vormachen. Corona legt einige Wunden bloß und der Klimawandel geht ungebremst weiter. Wir wählen uns seit Jahrzehnten Regierungen, die in ihrer Konzept- und Visionslosigkeit nur eins kennen: "Weiter so, wie bisher!".
Zurück zu den Finanzen: Es wäre so leicht, alles zum Besseren zu wenden. Wir müssten nur den aktuell Mächtigen diese Macht entreißen und sie - wie es einer Demokratie gebührt - dem eigentlichen Souverän zurückgeben. Dann müssten wir uns in Vertretungen zusammensetzen und unser Finanzsystem von Grund auf so umbauen, dass es zukunftsfähig ist und allen dient. Unser Geld würde dann insgesamt (nicht nur das Bargeld, sondern auch das Buchgeld) von einer unabhängigen vom Souverän kontrollierten Instanz geschöpft werden. Manche nennen das "die Monetative (siehe: monetative.de). Diese "freie", Europäische Zentralbank (und später Weltzentralbank) schöpfte das ganze Geld und hätte somit Kontrolle über die Geldmenge. Banken würde es natürlich weiterhin geben, aber ihre Aufgabe bestünde im Verwalten von Konten und der Vergabe von Krediten (ohne Zins, aber mit Gebühren zur Finanzierung der Banken).
Die Schöpfungsgewinne der Zentralbank flössen den einzelnen Staaten zu. Auch Kredite erhielten die Staaten zinsfrei von der Zentralbank - am besten aber nur bis zu einem zu definierenden Höchstsatz.
Flankiert würde das ganze mit Steuerreformen, die verhinderten, dass einzelne Menschen irrwitzige Reichtümer anhäufen und diese vererben könnten.
Dass es Schwachsinn ist, unerhörte Summen für Rüstung und Waffen auszugeben, brauchte eigentlich nicht erwähnt zu werden. Wie ist wohl das Verhältnis der finanziellen Aufwendungen Deutschlands für Rüstung und für Friedensforschung? Ich fürchte hier besteht ein mehr als krasses Missverhältnis.
"Keiner will sterben, das ist doch klar. Warum sind dann Kriege da?" Was vor Jahren Udo Lindenberg getextet hat und ein kleines Mädchen singen ließ ist, wie so viele naive Ideen und Gedanken der Schlüssel zu (Er-)Lösungen. Manche naive Gedanken sind so zutreffend, dass sie einem den Boden unter den Füßen wegziehen. Und wer naiv dann als Schimpfwort benutzt, möchte nur von seiner eigenen Ratlosigkeit und Resignation ablenken.
Schön wäre es, wenn die Lämmer aufhörten zu schweigen.
Die Lösungen sind oft so offensichtlich, aber ... ihr merkt, warum ich die ganze Zeit den Konjunktiv irrealis benutzt habe.
(1) Link zum Bericht auf www.pressenza.com/de mit dem Interview im Originalvideo und der Übersetzung des Textes ins Deutsche.


