Ein anderer Jahresrückblick 2020
Jubiläen, die das Jahr nicht prägten
Liebe Leser*innen,
das Jahr 2020 unterschied sich deutlich von anderen Jahren, denn es gab eine lange Reihe ganz besonderer Jahrestage und Jubiläen zu begehen mal als stilles Andenken, mal als großes Freudenfest. In der abgelenkten Öffentlichkeit wurden vieler dieser großen Erinnerungsmomente kaum oder gar nicht wahrgenommen. Ein Grund für mich, sie doch etwas in die Erinnerung zu rufen und euch meinen ganz eigenen, vielleicht etwas unorthodoxen Jahresrückblick zu geben, um euch damit möglicherweise ein paar Momente der Besinnung und hoffentlich an der ein oder anderen Stelle auch ein Grinsen abzutrotzen.
Beginn wir, wie üblich, mit dem Januar:
40: Am 13. Januar 1980 – hoffen wir das es kein Freitag war – konstituieren sich die Grünen als Bundespartei. Damals mit teilweise radikalen Forderungen und viel innerer Zerstrittenheit, heute brav und bieder – man will ja schließlich regierungsfähig sein. Da blieb viel auf der Strecke, nicht sehr schade um an Parteitagen gestrickte Wollpullis, eher schade um Konsequenz und Moral; oder wie es damals auf Ansteckern auf einigen dieser selbst geschaffenen Schurwollerzeugnisse zu lesen war: „Angepasst ist angepisst!“ - vielleicht doch schade um die Pullis.
75: Am 27. Januar 1945 wird das Konzentrationslager in Auschwitz befreit. Wie toll wäre es gewesen, wenn wir uns, durch richtige Entscheidungen 12 Jahre vorher, nicht eines solchen Tages erinnern und damit in einen der vielen Abgründen der deutschen Vergangenheit blicken müssten. Wäre vielleicht ganz gut, wenn wir uns heute bewusst machten, dass man Feuer löschen kann, solange sie noch klein sind.
Im Februar bewegen mich zwei Ereignisse:
30: Am 11. Februar 1990 wird Nelson Mandela aus der Haft entlassen. Für alle, die nichts über die Apartheidspolitik in Südafrika wissen: Er saß dort, weil er sich für die Rechte der Schwarzen einsetzte – #BlackLivesMatter von damals. Bewegend und nachdenkenswert: Viele lange Jahre von Weißen inhaftiert, setzt sich dieser Mann nach seiner Freilassung und später als Präsident Südafrikas für Versöhnung und ein friedliches Miteinander ein. Dafür erhält er sehr zu recht den Friedensnobelpreis. Schade nur, dass es sich im Kreise anderer Träger dieser Auszeichnung in höchst dubioser Gesellschaft befindet.
100: Wir kehren nach einem kurzen Höhenflug der Humanität wieder zu den dunklen Seiten des Menschseins zurück, denn am 24. Februar wurde die NSDAP gegründet. Meine 12 Jahre von oben greifen offensichtlich etwas kurz, aber wann wurde eigentlich die AFD gegründet?
Der Monat März hält folgendes bereit:
90: Am 12. März 1930 beginnt Mahatma Gandhi den Freiheitskampf für Indien. Mit Gewaltverzicht und passivem Widerstand zwingt der kleine Mann im selbst gewebten Umhang später das mächtige Empire in die Knie, in dem er der Welt zeigt, wo Grenzen von Moral und Ethik verlaufen und auf welcher Seite die Europäer von der Insel stehen. Was gewaltfreier Widerstand vermag, ist damit eindrücklich gezeigt worden. Nun könnte man sich ja mal überlegen, wie man Deutschland friedlich und gewaltfrei verteidigen kann. 2% unseres BIP zur Verteidigung in Friedensforschung und Gewaltprävention stecken, anderen Nationen helfen und sie dadurch zu Freunden machen, für weltweite Bildung und Frauenrechte sorgen - wäre ja auch eine Idee für das sogenannte Verteidigungsministerium. Ich finde im Neuen Testament keine Stelle mit der die Anschaffung von bewaffneten Drohnen zu rechtfertigen sei – nur mal so, weil ja Weihnachten ist und weil Frau Kramp-Karrenbauer in dieser C-Partei den Vorsitz führt.
20: Am 26. März 2000 wird Wladimir Putin wird zum Präsidenten Russlands gewählt. Das ist ein Mensch, der leider so gar nichts mit Pazifismus an Hut hat - schade. Aber was wäre aus dem deutsch-russischen Verhältnis geworden, wenn Deutschland nicht fest in der NATO verankert wäre? Während Russland nach 1990 alle Soldaten und Waffen aus Deutschland abgezogen hat, halten die USA in Deutschland Hunderte von Kampfflugzeugen und Panzern einsatzbereit und im Fliegerhorst Büchel bei uns in Rheinland-Pfalz lagern bis heute einsatzbereite Atombomben. Er hat es nicht leicht mit uns, der Herr Putin. Damit ist aber in keiner Weise entschuldigt, wie der russische Geheimdienst mit unliebsamen Menschen umgeht, aber ich denke mit Sorge daran, was hätte passieren können, wenn einer der ganz üblen Hardliner statt Putin an die Macht gekommen wäre.
Schauen wir lieber in den April:
Zwei Jubiläen folgen direkt auf einander, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.
50: Am 10. April 1970 lösen sich die Beatles auf. Wäre interessant, was sie uns zusammen noch an Musik geschenkt hätten. Aber vielleicht war ihr gemeinsames Potenzial ja auch erschöpft. Tolle Songs haben sie uns genug geschenkt. Doch was den Text angeht, ist mein besonderer Song dann doch ein Werk aus einer nachfolgenden Solokarriere. Stellt euch vor, welches Lied ich meine.
75: Am 11. April 1945 wird ein weiteres Konzentrationslager befreit. Jetzt ist es das in Buchenwald. Es ist für uns, die wir so viele Jahre später geboren sind und in der friedlichsten Zeit leben, die jemals in Deutschland geherrscht hat, einfach nicht fassbar, zu welchen Grausamkeiten unsere Opas und Uropas in der Lage waren. Ehrlicherweise hilft bei mir da nur verdrängen, ich kann keines der Lager besuchen, will mir noch nicht mal Filme darüber anschauen. Das was ich weiß, reicht – bei weitem.
Im Mai jähren sich diese beiden Ereignisse:
75: Am 8. Mai 1945, einen Tag nach der Kapitulation Deutschlands ist der Zweite Weltkrieg und damit das wohl schlimmste Kapitel unserer Geschichte beendet. Welchen Weg hätten wir Deutschen gehen können: Eine Bundeswehr müsste es nicht geben. Stattdessen wird unsere Freiheit seit Jahren deutsche Soldaten am Hindukusch verteidigt, in trauter Eintracht mit amerikanischen Soldaten, die gerne auch mal ein paar Zivilisten erschießen, dann aber lieber den Journalisten verfolgen, der dies aufgedeckt hat (#FreeAssange), als die eigenen Soldaten einem Gericht vorzuführen oder mit australischen, wo es bei neuen Soldaten eine Mutprobe war, erst mal Menschen zu erschießen (leider sind das keine Verschwörungstheorien, sondern belegte und zumindest von australischer Seite eingestandene Gräueltaten). Ich werfe solche Taten der Bundeswehr nicht vor und hoffe, mir berechtigterweise sicher sein zu dürfen, dass sich deutsche Soldaten bei ihren Einsätzen anders verhalten, aber ich möchte in diesem Zusammenhang lieber an ein Ereignis vor 72 Jahren erinnern: Da hat der Staat Costa Rica beschlossen, dass er sein Militär abschafft. Seither wurde Costa Rica weder von Nachbarstaaten angegriffen, noch besetzt oder erobert. Dafür wurden viele Mittel für Bildung und Gesundheit frei. Auch mal ´ne Idee.
50: Am 14. Mai 1970 wurde Andreas Baader befreit. Dies kann als Geburtsstunde der RAF angesehen werden. Dazu nur kurz: Super Jungs! Nachhaltiger hätte man gute linke Ideen nicht diskreditieren und die Macht der Konservativen zementieren können. Ein weiterer Beleg, dass Pazifismus naiv ist und uns nur der Einsatz von Waffen nach vorne bringt – einfach toll!. Bodenlose Dummheit und Inhumanität gibt es ganz sicher und offensichtlich rechts wie links. Und wer die Gewalt, egal auf welcher Seite gut heißt oder rechtfertigt, hat so was von überhaupt nichts verstanden.
Juni: Die Kalenderblätter in meinem Geburtsmonat sind meistens die am wenigsten schönen, dafür hat diese Auflistung zwei sehr positive Ereignisse zu verzeichnen.
30: Am 13. Juni 1990 beginnt man mit dem Abriss der Berliner Mauer, damit hat diese Mauer ihren 30. Geburtstag nicht erlebt. Dass dies möglich war, ist nicht gewaltsamen Protesten oder dem Einsatz von Militär zu verdanken, sondern Menschen, die friedlich auf die Straße gingen, bis man ihrem Drängen nachgeben musste und einem Machthaber, der noch heute die Überzeugung vertritt, dass wir nur durch gegenseitiges Vertrauen einen Weg in eine friedliche Zukunft bauen können: Michail Gorbatschow.
75: Noch so ein ganz wichtiger 75. Geburtstag, am 26. Juni 1945 wurden die UNO-Charta unterzeichnet und damit die Vereinten Nationen gegründet. Man könnte in Tränen ausbrechen, wenn man sich überlegt, was aus dieser tollen Idee hätte werden können, und welch kümmerlicher Rest davon geblieben ist, aber lasst uns die Hoffnung nicht aufgeben. Der Klimawandel wird uns schneller und enger zusammenschweißen, als uns das aktuell bewusst ist. Dann ist die Zusammenarbeit aller Nationen dieser Erde dringender denn je.
Die Jubiläen des Juli haben eher Anekdotischen Charakter:
90: Am 8. Juli 1930 wird die Zugspitzbahn eingeweiht. Das ist nur eine Notiz wert, weil wir bei unserer diesjährigen DVA-Sommerfahrt so nah dran vorbei gefahren sind. Hätten wir gewusst, dass da eine Bahn ihren 90-sten feiert, hätten wir sicher voller Vertrauen in die guten, alten Tragseile (was 90 Jahre hält, hält auch noch heute) eine Fahrt zum höchsten Punkt Deutschlands gewagt. Apropos Punkte:
30: Am 8. Juli 1990 wird Deutschland Fußball-Weltmeister. Ich muss zugeben, ich war beim Schauen des Finales etwas abgelenkt. Beim gemeinsamen Schauen - damals nannte sich das noch nicht „public viewing“ – auf dem Campingplatz von Roger (Sprich: Roschee) Arnal (mit „R“ im Nachnamen, das wird gleich noch wichtig), hat mich die Frage, wird die Jeans von Roger – er bediente uns oben ohne, aber unten (noch) mit – noch weiter rutschen und mehr von diesem unästhetischen Körperteil offenbaren oder wird dieser Prozess hoffentlich bald ein verlässliches Ende finden, damit ich mich wieder ganz dem Spiel widmen kann. Ich sah nur teilweise wie ein nahezu unbekannter Diego Buchwald den kürzlich verstorbenen Weltstar Guido Maradonna zum harmlosen Spieler degradierte. Kurz und gut, Rogers Hose hielt ab einem gewissen Moment, was man zum Glück vom Torhüter der Argentinier beim Strafstoß von Andreas Brehme nicht behaupten kann.
Soviel dazu.
Im August wird es mit zwei nur drei Tage auseinander liegenden Ereignissen leider wieder ernst, sehr ernst.
75: Am 6. August 1945 zündeten die USA - angeblich um die Kapitulation Japans zu erzwingen – die erste Atombombe der Menschheitsgeschichte über Hiroshima.
75: Am 9. August 1945 erfolgte der Abwurf über Nagasaki. Amerika hat damit den Tod von über 100.000 Menschen, die sofort starben, 130.000 Menschen die im Laufe des Jahres 1945 starben, sowie viele weitere Tode und schwere Erkrankungen zu verantworten unter denen die Menschen zum Teil heute noch leiden. Zu Sinn und Unsinn dieser Abwürfe hat
der Pirmasenser Klaus Scherer eine tolle Dokumentation für die ARD gemacht, die auf YouTube noch zu finden ist (Link: https://www.youtube.com/watch?v=6UtaGtjtwWg&feature=emb_logo).
Zum Glück blieb es bei diesen beiden Atombombenabwürfen, wiewohl die Menschheit seither noch ein paar Mal kurz vor der atomaren Katastrophe stand.
Mittlerweile gibt es einen internationalen Vertrag zum Verbot von Atomwaffen, der am 22. Januar 2021 wirksam wird, weil er inzwischen von 50 Staaten ratifiziert wurde, womit das Quorum für seine Gültigkeit erreicht ist. Der Vertrag wurde im Juli 2017 von der UN-Vollversammlung mit den Stimmen von 122 Staaten verabschiedet worden. 84 Länder sind ihm seither beigetreten – Deutschland gehört nicht dazu.
Meiner Meinung nach eine große Schande.
Der September hat wieder zwei Ereignisse zu bieten, die vielleicht nichts miteinander zu tun haben.
5: Ein kleines Jubiläum, aber im September 2015 beginnt mit der Ankunft von Flüchtlingen in Bayern die sogenannte Flüchtlingskrise in der führende Unionspolitiker dem „Wir schaffen das!“ unserer Kanzlerin allerlei entgegenzusetzen hatten. Mittlerweile würde das Merkel nicht mehr so sagen, aber mittlerweile untersagt unser Innenminister ja auch Gemeinden den Menschen aus dem Camp Moria zu helfen. Die Zeiten ändern sich und die Sorge vor rechten Forderungen führt zu deren Erfüllung.
85: Nur 80 Jahre vorher und das eine hat ja nichts mit dem anderen zu tun, verlieren am 15. September 1935 auf dem Nürnberger Parteitag der NSDAP die Juden ihre politische Rechte. Was sie danach noch verlieren sollten, ist bei den 75. Jahrestage der KZ-Befreiungen schon angeklungen und erst vor wenigen Tagen (am 21.12.2020) ging ein Prozess zu Ende. Zum Glück mit einem entsprechenden Urteil (Lebenslänglich mit Sicherheitsverwahrung). Am 9.10.2019 hatte ein Deutscher versucht eine Synagoge zu stürmen. Zum Glück hatte eine Tür dem Angriff standgehalten. Die ist jetzt zurecht ein Denkmal, ein Hoch der Handwerkskunst. Aber wie viele Denkmäler brauchen wir Deutschen noch – denkt mal darüber nach.
Kommen wir zum Oktober:
30: Am 3. Oktober 1990 erlebten wir die deutsche Wiedervereinigung. Ich nehme etwas Anstoß an dem Wort „Vereinigung“, denn 30 Jahre später stellt sich einiges doch etwas anders dar. Man hätte in dem Prozess sicher vieles besser machen können, besser machen müssen und so ist es für mich kein Wunder, dass wir 30 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch große Defizite in dem Prozess konstatieren müssen und ich hätte mir – nebenbei bemerkt – auch eher den 9. November 1989, den Tag des Mauerfalls, als „Tag der deutschen Einheit“ gewünscht, denn das hätte der Leistung der Menschen im Osten deutlich mehr gewürdigt. Politik macht man meist mit Symbolik – so oder eben so.
75: Noch ein 75-ster Jahrestag, den 6. Oktober 1945 nehme ich auf, weil an diesem Tag die erste Ausgabe der Süddeutschen Zeitung erschien und ich somit verraten kann, wo ich die ganzen Daten gefunden habe – Danke! In meinem Kopf habe ich das alles ganz sicher nicht.
Grau ist die Farbe des Novembers, Grün die Farbe der Hoffnung:
30: Am 9. November 1990 kommt der sowjetische Staatspräsident Gorbatschow zu einem Besuch nach Deutschland. Ich habe weiter oben die Leistung dieses Menschen schon gewürdigt. Ich denke die Aufnahme in die Liste durch die SZ unterstreicht seine Wichtigkeit. Ich selbst erinnere mich an begeisterte „Gorbi, Gorbi“-Rufe – fast wie bei einem Popstar. Nicht nur wir Deutschen haben ihm viel zu verdanken, er hat mit seiner Botschaft des Vertrauens auch maßgeblich den Kalten Krieg beendet – irgendwer musste den ersten Schritt tun, erst mal vertrauen – danke dafür. Wen interessiert, was dieser Mensch auch heute noch zu sagen hat, dem sei ein kleines Büchlein empfohlen: „Ein Appell von Michail Gorbatschow an die Welt – Kommt endlich zur Vernunft – Nie wieder Krieg“
30: Am 20. November 1990 unterzeichneten 34 Länder (die Staats- und Regierungschefs, der Teilnehmerstaaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa – KSZE) die „Charta von Paris“. Wer davon ebenso wenig weiß, wie ich (bis vor ein paar Wochen) wusste, dem/der sei dringend die Lektüre der Charta empfohlen. Oje, ich weiß: „Schon wieder lesen …“. Hier zumindest ein Zitat (a song text of hope): „ Das Zeitalter der Konfrontation und der Teilung Europas ist zu Ende gegangen. Wir erklären, dass sich unsere Beziehungen künftig auf Achtung und Zusammenarbeit gründen werden. Europa befreit sich vom Erbe der Vergangenheit. Durch den Mut von Männern und Frauen, die Willensstärke der Völker und die Kraft der Ideen der Schlussakte von Helsinki bricht in Europa ein neues Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit an.“
Schön war‘s …
Aktuell gilt Russland wieder als unser Feind, statt Zusammenarbeit gibt es Sanktionen und dort neben etwas Demokratie ganz viel Staatsterror, na prima!
Kommen wir zum Schluss, der Dezember:
30: Am 2. Dezember 1990 die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl. Na, die verlief so gar nicht nach meinem Geschmack. Aber die zweite war dann auch nicht besser und mir ging durch den Kopf, dass man den Ossis hätte erklären sollen, dass man jetzt im wiedervereinigten Land gerne auch mal eine Partei von der man enttäuscht ist, abwählen kann. Das mit dem Abwählen scheinen sie im Osten jetzt zu begreifen, aber mir ist es wieder nicht recht – Besserwessi halt.
50: Mit einem wunderschönen Ereignis, das am 7. Dezember 1970 sein Jubiläum feierte und an das ich mich sogar selbst noch erinnern kann, will ich diesen Jahres-Jubiläums-Rückblick schließen: Der Kniefall von Willy Brandt in Warschau.
Max Uthoff, der manchen bekannte Kabarettist, brachte in einem Bühnenprogramm Goethe, Beethoven, Einstein und ebenso die Fußballweltmeisterschaft und andere positive Dinge der deutschen Erinnerung in eine Reihe, erlaubte sich dann aber auch Auschwitz und andere eher unrühmliche Sachen aufzuführen. Er endete mit seiner Erkenntnis, dass man das eine nicht ohne das andere haben kann und es dann vielleicht besser sei, vom Stolz auf die eigene Nation etwas Abstand zu nehmen. Ich selbst war nie Fußballweltmeister, weder 54, da war ich noch nicht geboren, noch 74, da habe ich nur mitgejubelt, noch 90, da war ich bekanntermaßen von Rogers Jeans etwas abgelenkt und auch nicht 2014, da taten mit die Brasilianer wirklich leid, aber dafür habe ich auch vor kurzem keine 0:6 Packung von Spanien einstecken müssen.
Ihr merkt, ich tue mir schwer damit ein Deutscher zu sein, habe bei den französischen Freunden sogar mitunter das Gefühl um Entschuldigung für unser Land bitten zu müssen. Ich würde nie eine deutsche Fahne schwenken oder bei der Nationalhymne, deren erste Strophe mir nicht aus dem Sinn gehen will, mitzusingen, aber …
… Menschen wie Willy Brandt, und nicht zuletzt sein Kniefall verlangen wir gehörigen Respekt ab. Ich diesem Fall war es ein Deutscher, einer der sein Heimatland ins politischen Exil hatte verlassen müssen, dann zurückkam und als Deutscher diese große Geste der Bitte um Entschuldigung und Versöhnung sandte; ein anderes Mal in diesem Text erwähnt, war es ein Südafrikaner, dann ein Inder. Die Liste der großen Menschen ließe sich zum Glück lange fortsetzen, it doesn't matter where they are from. Aber es ist ungemein wichtig, dass es diese Menschen gibt und dass sie Gehör finden.
Hoffen wir, dass spätere Generationen positive Jubiläen des Jahres 2020 feiern können. Der 3. November mit der Abwahl von Donald Trump könnte so ein Tag werden.


